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Die Gesundheitssysteme von Deutschland und USA im Vergleich



Von Olaf Herrmann 1
Erstveröffentlichung am 12. Januar 2005


A. Einführung

In Deutschland ist die Mehrheit der Bevölkerung in der gesetzlichen Krankenversicherung versichert. In den USA herrscht vorwiegend ein wettbewerbliches System. Die breite Mehrheit der Menschen ist dort privat versichert. Es fehlt weitgehend ein staatlicher Rahmen. Punktuell greift der Staat allerdings ein.

B. Deutschland

In Deutschland unterscheidet man zwischen der gesetzlichen und der privaten Versicherung. Die meisten Menschen, 90 %, sind allerdings gesetzlich versichert.

I. GKV

Die gesetzliche Versicherung ist eine Pflichtversicherung kraft Gesetzes. Dieser Pflicht kann man sich prinzipiell nicht entziehen.

1. Versicherter Personenkreis

Vom Grundsatz her unterliegen drei Gruppen der Versicherungspflicht: Arbeiter, Angestellte und Rentner. Das Gesetz bestimmt jedoch folgende Ausnahmen: Arbeiter und Angestellte, die über ein bestimmtes Einkommen verfügen, sowie geringfügig Beschäftigte. Sie sind versicherungsfrei. Zudem gibt es freiwillig Versicherte (§ 9 SGB V). Sie haben die Wahl zwischen der gesetzlichen und der privaten Versicherung. Sie können aber auch ohne Versicherungsschutz bleiben. Ehegatten und Kinder von gesetzlich Versicherten sind automatisch mitversichert.

Gesetzlich krankenversichert waren im November 2003 insgesamt rd. 70,42 Millionen Personen, davon freiwillig 9,32 Million Personen.2

2. Träger

Träger der Krankenversicherung in der Bundesrepublik Deutschland ist im Wesentlichen die gesetzliche Krankenversicherung in Form der gesetzlichen Krankenkassen. Die gesetzliche Krankenversicherung ist breit gegliedert und umfasst derzeit 409 selbständige Krankenkassen3. In ihr sind 70,3 Mio. Personen versichert. Die Krankenkassen haben die Rechtsform der Körperschaft des öffentlichen Rechts. Sie sind damit mittelbare Staatsverwaltung. Im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften können sie ihre Belange selbst regeln. Die einzelnen Krankenkassen stehen in einem Wettbewerb. Jede Kasse ist verpflichtet, eine Person aufzunehmen. Dabei darf nicht nach Vorerkrankungen oder momentanen Krankheiten gefragt werden. Jeder Versicherte kann seine Kasse frei wählen, ist jedoch mindestens 18 Monate an diese gebunden. Danach hat er ein Kündigungsrecht. Bei Beitragssatzerhöhungen hat er ein Sonderkündigungsrecht.

3. Beiträge

Der Beitrag zur Krankenversicherung richtet sich nach dem Grundlohn des Versicherten. Darauf wird ein bestimmter Prozentsatz erhoben, der je nach Kasse variieren kann. Der durchschnittliche Beitragssatz aller gesetzlichen Krankenkassen beträgt derzeit 14,4 % des Grundlohnes. Arbeitnehmer und Arbeitgeber tragen davon jeweils die Hälfte. Für mitversicherte Familienangehörige werden keine Beiträge erhoben.

Auf der einen Seite kann jeder Versicherte frei wählen, welcher Kasse er beitritt. Auf der anderen Seite gibt es mitversicherte Familienangehörige die keine Beiträge zahlen. Außerdem gibt es Bevölkerungsgruppen, die, statistisch gesehen, mehr Krankheitskosten verursachen als andere4. Aus diesem Grund wurde ein Ausgleichssystem zwischen den Kassen geschaffen. Mit diesem so genannten Risikostrukturausgleich sollen Unterschiede ausgeglichen werden. So müssen zum Beispiel Krankenkassen mit vielen jungen Mitgliedern einen Teil ihrer Beitragseinnahmen an Kassen abgeben, die viele alte Mitglieder haben.

4. Leistungen

Die Mitglieder bilden eine Solidargemeinschaft. Es gilt das Sachleistungsprinzip. Der Versicherte bekommt seine Medikamente aufgrund eines Rezeptes und der Arzt behandelt ihn nach Vorlage der Krankenversichertenkarte. Eine Bezahlung der Leistungen erfolgt, von gesetzlich festgelegten Selbstbeteiligungen abgesehen, nicht.

5. Abrechnung

Die erbrachten Leistungen rechnen die Ärzte mit den Krankenkassen ab. Dafür benötigt jeder Arzt eine Zulassung als Kassenarzt. Die Kassenärzte haben sich zu Kassenärztlichen Vereinigungen zusammengeschlossen. Von diesen Vereinigungen gibt es bundesweit 23.

Die Krankenkassen auf der anderen Seite schließen sich zu Verbänden zusammen. Zwischen diesen beiden Parteien erfolgt die Abrechnung der erbrachten Arzt-Leistungen. Die Krankenkassen leisten pro Versicherten einen Festbetrag an die Kassenärztlichen Vereinigungen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen wiederum rechnen die einzelnen Leistungen mit ihren Ärzten ab. Der Arzt bekommt sein Geld also nicht von dem Versicherten, den er behandelt hat.

II. PKV

Die breite Bevölkerungsmehrheit ist in Deutschland gesetzlich versichert. Nur einem Teil ist es erlaubt, sich privat zu versichern.

1. Versicherter Personenkreis

In Deutschland sind knapp 8 Mio. Menschen privat versichert5. Nur einem bestimmten Personenkreis ist es erlaubt, sich privat zu versichern. Dazu zählen die Beamten und die Selbständigen. Sie können sich unabhängig von ihrem Einkommen privat versichern. Angestellten ist dies nur erlaubt, wenn ihr Einkommen oberhalb einer bestimmten Verdiensthöhe, der so genannten Versicherungspflichtgrenze liegt. Die Versicherungspflichtgrenze liegt im Jahr 2004 bei 46.350,- Euro.

2. Träger

Die private Krankenversicherung wird von privatrechtlichen Unternehmen betrieben6 Diese unterstehen der Rechts- und Finanzaufsicht des Bundesaufsichtsamtes für das Versicherungswesen.

Die privaten Krankenversicherer haben für die Krankheitskosten-Vollversicherung auf ihr ordentliches Kündigungsrecht verzichtet. Dies ist mittlerweile auch in das Versicherungsvertragsrecht so aufgenommen worden.

Der Versicherte kann vorbehaltlich einer vereinbarten Mindestlaufzeit ein Krankenversicherungsverhältnis, das er für die Dauer von mehr als einem Jahr eingegangen ist, zum Ende des ersten Jahres oder jedes darauf folgenden Jahres unter Einhaltung einer Frist von drei Monaten kündigen. Vor Ablauf des Versicherungsjahres kann der Versicherte kündigen, wenn er Pflichtmitglied der gesetzlichen Krankenversicherung wird.

3. Beiträge

Für die private Krankenversicherung ist die Eigenvorsorge auf der Basis des Äquivalenzprinzips (Individualversicherungsprinzip) maßgebend7 . Äquivalenzprinzip heißt: Es gibt eine direkte Beziehung zwischen der Höhe der Beiträge und dem versicherten Leistungsumfang. Je mehr Leistungen versichert werden, desto höher der Beitrag. Die private Versicherung erhebt risikogerechte Beiträge. Die Beiträge richten sich nach den vereinbarten Leistungen in Abhängigkeit vom Eintrittsalter, dem Geschlecht der versicherten Person und dem Gesundheitszustand bei Beginn der Versicherung.

Das Äquivalenzprinzip soll garantieren, dass Gruppen mit gleichen Risiken dieselben Beiträge zahlen, die dann auch ausreichen, um die in diesen Gruppen anfallenden Versicherungsleistungen zu erbringen. Wer ein größeres Risiko darstellt, wer voraussichtlich mehr Leistungen in Anspruch nimmt, muss folglich auch höhere Beiträge zahlen als jemand, der nur ein niedrigeres Risiko darstellt.

Die Beiträge werden in der privaten Krankenversicherung nach Art der Lebensversicherung auf versicherungsmathematischer Grundlage berechnet. Das bedeutet, dass eine Alterungsrückstellung gebildet wird. Diese deckt das mit dem Alter ansteigende Krankheitsrisiko ab. Dabei entrichtet der Versicherte mit seinem Beitrag neben einem Risikoanteil für das gegenwärtige Risiko, krank zu werden, zugleich einen Sparanteil für das mit dem Alter ansteigende Krankheitsrisiko.

Ein Teil des Beitrages wird also von Beginn an als Alterungsrückstellung verzinslich angespart. Dieser Betrag steht dann im Alter zur Deckung der dann höheren Leistungen zur Verfügung.

Der Beitrag wird in der PKV stets individuell, d.h. für jede einzelne versicherte Person berechnet. Eine kostenfreie Familienmitversicherung gibt es nicht.

4. Leistungen

Die private Krankenversicherung ist eine Individualversicherung, die der Vorsorge des Einzelnen für den Krankheitsfall dient. Hier kann der Einzelne den Gegenstand und den Umfang der Leistungen weitgehend selbst bestimmen. Sein Versicherungsschutz ist auf sein individuelles Bedürfnis abgestimmt. Für Leistungen, die der Einzelne nicht absichern möchte, braucht er auch nicht vorzusorgen. Der Gesetzgeber hat nämlich den Umfang des Versicherungsschutzes nicht vorgeschrieben. Die Leistungen der Versicherung sind vertraglich vereinbart. In diesen Leistungskatalog kann der Gesetzgeber nicht eingreifen.

Der Versicherungsschutz kann vom Versicherten seinen jeweiligen persönlichen finanziellen Verhältnissen angepasst werden. Dabei spielt die Selbstbeteiligung als Mittel zur Beitragsersparnis in der Vollversicherung eine wichtige Rolle. Beiträge, die für einen Versicherten nicht verbraucht wurden, fließen an ihn in Form einer Rückerstattungszahlung zurück.

5. Abrechnung

In der privaten Krankenversicherung herrscht das Kostenerstattungsprinzip. Der Versicherte muss die Leistungen zunächst selbst bezahlen. Er erhält dann aber die verauslagten Kosten von seiner Versicherung ganz oder teilweise erstattet. Jeder approbierte Arzt kann diese Leistungen erbringen. Er bedarf keiner besonderen Zulassung, wie der Arzt, der Leistungen mit gesetzlich versicherten Personen abrechnen möchte. Die Ärzte berechnen ihre Leistungen nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ).8

III. Probleme

Das Gesundheitssystem steht vor der Schwierigkeit, staatliche Eingriffe und marktwirtschaftliche Elemente zu verbinden. Große Herausforderungen sind die zunehmende Alterung der Gesellschaft und der medizinisch-technische Fortschritt, die eine Kostensteigerung bewirken. Zudem werden die Einnahmen in der gesetzlichen Krankenversicherung umverteilt. Es werden keine Altersrückstellungen wie in der privaten Krankenversicherung gebildet.

C. USA

Das gesamte Gesundheitssystem wird in den USA als wettbewerbliches System begriffen; ein staatlicher Rahmen für einen regulierten Wettbewerb fehlt weitgehend. Punktuell greift der Staat allerdings immer wieder durch Gesetze ein, um unerwünschte Entwicklungen zu begrenzen; eine große Rolle spielen auch Gerichtsentscheidungen. Insgesamt wurden im Jahr 2000 ca. 56% der Gesundheitskosten durch Private und ca. 44 % der Gesundheitskosten durch die öffentliche Hand finanziert.9

Im US-amerikanischen Gesundheitssystem dominiert der private Sektor sowohl bei der Finanzierung, als auch bei der Leistungserbringung.10 Es gibt keine allgemeine Krankenversicherung, wie sie die Bundesrepublik Deutschland kennt. In den USA existieren drei Sicherungssysteme, die im Folgenden vorgestellt werden sollen: Medicare, Medicaid und die private Krankenversicherung.

Festzuhalten ist aber, dass im Jahr 2002 etwa 43,6 Mio. Amerikaner überhaupt nicht gegen Krankheit versichert waren. Das sind ca. 15,2 % der Bevölkerung.11 Sie müssen für ihre Versorgung selbst zahlen, nur eine Notfallversorgung ist staatlich garantiert.

Ca. 85 % verfügen über eine staatliche oder private Absicherung. Die Arten der Absicherung werden im Folgenden beschrieben. Nicht erwähnt wird die spezielle Versicherung für Militärangehörige. Sie schützt 3 % der Bevölkerung.

I. Medicare

Ca. 13,4 % der amerikanischen Bevölkerung werden von dem so genannten Medicare-Programm gegen Krankheit abgesichert. Dieses Programm besteht seit 1965.

1. Versicherter Personenkreis

Medicare versichert rund 39 Mio. Amerikaner. Es handelt sich dabei um Menschen ab 65 Jahren und deren Unterhaltsberechtigte12. Hinzu kommen Invalide sowie die meisten chronisch Nierenkranken. Das Programm besteht aus zwei Teilen. Der eine Teil ist obligatorisch, der andere stellt eine freiwillige Versicherung dar.

2. Träger

Medicare ist eine vom Bund getragene Krankenversicherung.13

3. Beiträge

Der obligatorische Teil wird durch einen Sozialversicherungsbeitrag der Erwerbstätigen finanziert. Arbeitgeber und Arbeitnehmer zahlen dabei je 1,45 %, Selbständige 2,9 %. Dabei wird von den Patienten teilweise eine sehr hohe Selbstbeteiligung gefordert. Die Kosten für stationäre Aufenthalte werden nur bis zu einer fixen Obergrenze (150 Tage) anteilig übernommen. Die Patienten tragen also für längere Krankheitsphasen das Kostenrisiko selbst.

Der freiwillige Teil wird zu einem Viertel aus einem festen Betrag pro Kopf und Monat von dem Versicherten bezahlt. Die restlichen drei Viertel werden aus Steuergeldern finanziert. Im freiwilligen Teil von Medicare fallen hohe Selbstbeteiligungen an. 1997 beanspruchten die Zuzahlungen der Medicare-Versicherten im Durchschnitt ein Fünftel Ihres Einkommens. Um die erheblichen Sicherungslücken zu schließen, sind Rentner jeweils zu einem Drittel über Gruppenverträge ihres früheren Arbeitgebers oder private Zusatzversicherungen zusatzversichert (Medigap poilicie). Ein Teil der Medicare-Versicherten erhält zusätzliche Leistungen aus dem Medicaid-Programm.14

4. Leistungen

Der obligatorische Teil von Medicare kommt für stationäre Diagnosen und Behandlung auf. Das umfasst auch notwendige Nachbehandlungen, stationäre Pflege und, unter bestimmten Umständen, häusliche medizinische Pflege und Hospizpflege.

Der freiwillige Teil deckt im Wesentlichen die Kosten für ambulante Untersuchungen und Behandlungen, bestimmte Präventionsleistungen und ausgewählte Heil- und Hilfsmittel. Ausgenommen sind Routineuntersuchungen, die meisten Heil-, Hilfs-, und Arzneimittel, Akupunktur, Zahnersatz und routinemäßige Zahnbehandlung.

Um die erheblichen Lücken der nicht abgesicherten Leistungsbereiche zu decken, werden zusätzlich private Versicherungen abgeschlossen.

5. Abrechnung

Hier kommt zum Teil das Sachleistungsprinzip zur Anwendung.15 Es gibt eine national einheitliche Gebührenordnung, die auf Einzelleistungen abstellt. Die maximale Vergütung der Ärzte ist im Rahmen der so genannten „Medicare Volume Performance Standards“ (VPS) limitiert. Etwa die Hälfte der Ärzte, die Medicare-Versicherte betreuen, haben einer Kostenabtretung (Assignment) und der damit verbundenen Vergütungsbeschränkung zugestimmt, wodurch sie sich aber aufgrund der direkten Abrechnung mit Medicare der Vergütung sicher sein können.

Die Ärzte können sich nach ihrer Approbation frei niederlassen und ihre Patienten behandeln.

II. Medicaid

Dieses staatliche Programm wurde 1965 von den einzelnen Bundesstaaten und dem Bund per Gesetz ins Leben gerufen. Mit 41 Mio. Leistungsempfängern (davon sind knapp die Hälfte unter 21 Jahren) ist Medicaid die größte Versicherung der USA.16

Ca. 10,5 % der amerikanischen Bevölkerung werden von diesem staatlichen Programm gegen Krankheit abgesichert.

1. Versicherter Personenkreis

Medicaid und das State Children´s Health Insurance Program (SCHIP) sollen die Gesundheitsversorgung für einkommensschwache Schwangere und Familien mit Kindern sowie für bedürftige Alte und Behinderte absichern. Insbesondere in der ersten Hälfte der 90er Jahre ist die Anzahl der Medicaid Versicherten stark angestiegen; 1999 lag sie bei etwa 41 Mio. Personen.17 Vor allem die die Absicherung von Kindern aus armen Familien stellt nach wie vor ein Problem dar. Obwohl mehr als drei Viertel aller nicht versicherten Kinder Anspruch auf eine öffentliche Absicherung hätten, ist die Inanspruchnahme noch unzureichend.18 Im Rahmen der „welfare reform“ von 1996 wurde für bestimmte Bevölkerungsgruppen eine 5-Jahres Höchstgrenze für die Inanspruchnahme von Medicaid eingeführt.

2. Träger

Träger dieses Programms sind der Bund und die Länder.

3. Beiträge

Das Programm wird im Durchschnitt etwa zu 60 % durch den Bund und zu 40 % durch die Bundesstaaten finanziert.

4. Leistungen

Mindestens gewährt sein müssen stationäre und ambulante ärztliche Untersuchungen und Behandlungen, sowie bestimmte qualifizierte Pflegeleistungen. Die Finanzierung von zahnärztlichen Leistungen, Medikamenten, Hilfsmitteln, Physiotherapien u. a. liegt im Ermessen der Bundesstaaten. Dadurch variiert das Versorgungsniveau regional.

5. Abrechnung

Hier kommt zum Teil das Sachleistungsprinzip zur Anwendung.19 Es existiert kein einheitlicher Vergütungsmodus. Es ist den Einzelstaaten freigestellt, welche Form der Vergütung sie wählen. Sie sind allerdings verpflichtet, eine ausreichende Vergütung zu gewähren, so dass genügend Leistungserbringer zur Zusammenarbeit bereit sind.

III. Private Krankenversicherung

Die private Krankenversicherung stellt das dritte Sicherungssystem in den USA dar und ist die am weitesten verbreitete Form der Absicherung. 64,1 % der Menschen sind über eine Arbeitgeber-Gruppenversicherung und 8,3 % über eine Individualversicherung abgesichert.

1. Versicherter Personenkreis

Die private Krankenversicherung hat zum allergrößten Teil die Form einer Gruppenversicherung durch den Arbeitgeber, die in der Regel die Familienangehörigen einschließt. Die Krankenversicherung durch die Arbeitgeber ist freiwillig. Fast alle größeren Unternehmen (über 200 Angestellte), aber nur 65 % der kleinen und mittleren Unternehmen (3 bis 199 Angestellte) boten 2001 ihren Arbeitnehmern eine Versicherung an.

Nur etwa 7 % der unter 65 Jährigen hatten in 2000 eine individuelle, nicht über den Arbeitgeber laufende, private Krankenversicherung abgeschlossen.20 Die Zahl ist deshalb so gering, weil eine reine Individualversicherung sehr teuer ist.

2. Träger

Die private Krankenversicherung wird, wie in Deutschland, von privatrechtlichen Unternehmen betrieben.

3. Beiträge

Die Prämien werden überwiegend vom Arbeitgeber getragen und sind steuerfrei. Sie richten sich nach der Risikostruktur der Beschäftigten und sind für kleinere Unternehmen in der Regel höher als für größere.

4. Leistungen

Die Leistungen umfassen praktisch immer stationäre und ambulante Behandlungen, Prävention und eine Teil der Zahnbehandlungen. Langwährende Erkrankungen sind meistens sehr schlecht abgesichert.

In den letzten Jahren wurden zunehmend Leistungen zum Beispiel die Arzneimittelversorgung eingeschränkt und Selbstbeteiligungen erhöht, um die Kosten von den Arbeitgebern auf die versicherten Arbeitnehmer umzuschichten.

5. Abrechnung

Bei den Privatversicherten herrscht wie im deutschen System das Prinzip der Kostenerstattung. Die Versicherten schließen mit den von ihnen gewählten Leistungsanbietern einen Vertrag ab und erhalten von diesen auch eine Rechnung. Die Ärzte sind bei der Preisgestaltung im Prinzip frei.21 Meist orientieren sie sich an Empfehlungen regionaler Ärztegesellschaften. Die Rechnung geben die Versicherten an ihre Versicherung weiter. Diese erstatten den Rechnungsbetrag unter Abzug von Selbstbehalten. Daher besteht für Anbieter und Nutzer ein starker Anreiz zur Leistungs- und Kostenmaximierung.

IV. Probleme

Das US System steht vor zwei großen Problemen. Zu einen gibt es sehr viele Menschen, die keinen Versicherungsschutz genießen. Zum anderen ist das US Gesundheitssystem sehr teuer.

1. Viele Unversicherte

Ein großes Problem in den USA ist die hohe Anzahl nicht versicherter Personen.22 Es gibt viele Arbeitgeber, die ihren Arbeitnehmern keine Gruppenversicherung anbieten. Hinzu kommen Arbeitslose, Nichtserwerbstätige, Niedriglohnbezieher, deren Einkommen sie nicht für die Teilnahme an dem bereits beschriebenen Medicaid berechtigt und Menschen, die wegen früherer Erkrankungen nicht mehr versicherbar sind. Eine reine Individualversicherung ist sehr teuer und für die Mehrzahl nicht finanzierbar.

2. Teures System

Die USA haben das mit Abstand teuerste Gesundheitssystem der industrialisierten Welt.23 Die Gesundheitsausgaben pro Kopf liegen mit deutlichem Abstand über allen Vergleichsländern. Der Anteil am BIP betrug 1998 und auch 2000 ca. 13 %.24

Über die Ursachen dafür besteht ein Streit. Die einen machen kostentreibende Elemente, wie Ineffizienz der Leistungserbringung, falsche Leistungsanreize für die Leistungserbringer und die technisch „Hochrüstung“, die erforderlich ist, um als Anbieter wettbewerbsfähig zu bleiben, verantwortlich.

Andere sehen die teuren Absicherungen gegen Schadensersatzansprüche als Grund.25 Hohe Kosten für Arztbesuche, die Abwanderung von Fachärzten oder das Aufhören des Praktizierens von Ärzten seien eine direkte Folge der ständig steigenden Beiträge zur Berufshaftpflicht.

Im Bundesstaat Arizona seien allein im vergangenen Jahr die Beiträge um durchschnittlich 16 Prozent gestiegen. Nun soll eine Höchstgrenze für Schadensersatzansprüche im Bundessaat Arizona verfassungsrechtlich festgelegt werden.

Die Ärzte versprechen sich davon eine Senkung der Beiträge zur Berufshaftpflicht sowie eine Aufwertung des Arztberufs. Ähnliche Höchstgrenzen existieren bereits in mehr als 30 anderen Bundesstaaten.

1 Olaf Herrmann ist Rechtsanwalt und Persönlicher Referent eines Abgeordneten des Deutschen Bundestages. Im Rahmen seiner Referendarausbildung absolvierte er im Sommer 2001 seine Wahlstation bei der Kanzlei Berliner, Corcoran & Rowe, LLP in Washington D.C.

2 Statistik der gesetzlichen Krankenversicherung des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung, Stand: 4. November 2003.

3 Monatsstatistik Mai 2004 des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung.

4 Krankheitskostenrechnung des Statistisches Bundesamt vom Juli 2004.

5 Zahlenbericht 2002/2003 des Verbandes der privaten Krankenversicherung e.V.

6 Wissenswertes über die Private Krankenversicherung, Stand 2002, Seite 24.

7 Wissenswertes über die Private Krankenversicherung, Stand 2002, Seite 8.

8 Wissenswertes über die Private Krankenversicherung, Stand 2002, Seite 18.

9 OECD Kurzbericht, Auf dem Weg zu leistungsstarken Gesundheitssystemen. 2004, Seite 9.

10 Bauer, Rita; Heimer, Andreas; Wieseler, Silvia: Gesundheitssysteme und Reformansätze im internationalen Vergleich (VI): USA, Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin (ASU), Heft 11/2003, Seite 576.

11 Müller, Gunter, Die BKK, Heft 01/2004, Seite 42.

12 Meli, Carolina, Horizontale und vertikale Konzentrationsprozesse bei den Leistungserbringern in Gesundheitssystemen Internationale Vergleichsstudie, Bern 2001, Seite 88.

13 Rosian, Ingrid: Selbstbeteiligung Internationale Vergleich: Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheitswesen, Wien 2002, Seite 107.

14 Bauer, Rita; Heimer, Andreas; Wieseler, Silvia: Gesundheitssysteme und Reformansätze im internationalen Vergleich (VI): USA, Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin (ASU), Heft 11/2003, Seite 576.

15 Rosian, Ingrid: Selbstbeteiligung Internationale Vergleich: Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheitswesen, Wien 2002, Seite 110.

16 Rosian, Ingrid: Selbstbeteiligung Internationale Vergleich: Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheitswesen, Wien 2002, Seite 108.

17 Bauer, Rita; Heimer, Andreas; Wieseler, Silvia: Gesundheitssysteme und Reformansätze im internationalen Vergleich (VI): USA, Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin (ASU), Heft 11/2003, Seite 576.

18 Bauer, Rita; Heimer, Andreas; Wieseler, Silvia: Gesundheitssysteme und Reformansätze im internationalen Vergleich (VI): USA, Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin (ASU), Heft 11/2003, Seite 576.

19 Rosian, Ingrid: Selbstbeteiligung Internationale Vergleich: Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheitswesen, Wien 2002, Seite 110.

20 Bauer, Rita; Heimer, Andreas; Wieseler, Silvia: Gesundheitssysteme und Reformansätze im internationalen Vergleich (VI): USA, Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin (ASU), Heft 11/2003, Seite 576.

21 Bauer, Rita; Heimer, Andreas; Wieseler, Silvia: Gesundheitssysteme und Reformansätze im internationalen Vergleich (VI): USA, Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin (ASU), Heft 11/2003, Seite 577.

22 Deutsches Ärzteblatt Online, 18.12.2004.

23 Bellartz, Thomas, Supermacht mit Systemfehler, Pharmazeutische Zeitung, Heft 12/2004, Seite 8.

24 Bauer, Rita; Heimer, Andreas; Wieseler, Silvia: Gesundheitssysteme und Reformansätze im internationalen Vergleich (VI): USA, Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin (ASU), Heft 11/2003, Seite 577.

25 Deutsches Ärzteblatt Online vom 13.12.2004.


Cite as:   Herrmann, Die Gesundheitssysteme von Deutschland und USA im Vergleich, 14 German American Law Journal, http://www.amrecht.com/herrmannvergleich2005.shtml (12. Januar 2005).


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